Lieber Leser,
kennst du dieses Gefühl? Jeder spielt an deiner Zukunft rum, nur du sitzt angekettet mit in diesem Raum und darfst gar nichts entscheiden. Sie nehmen dir den Knebel nur ab um zu erfahren, was du gern als nächstes tun würdest - damit sie es vereiteln können.
Versprechen sind nichts mehr wert, Freundschaften auch nicht. Du bangst um deine Zukunft und von allen Seiten kommt nur ein “Locker bleiben” daher.
Doch du willst nicht mehr locker bleiben - und das solltest du auch nicht.
Lass diese verdammten Emotionen raus!
Then once it comes out on the radio your all like..
While everyone else is all like..
And they go “have you heard that new song by…” while your just like..
I heard it way before you bitch.
that shit gets me mad foreals
^ agreed , lol .
(Quelle: sutherighthing-blog)
…hör auf dein Herz, Boom Boom!
Seitdem sich mein Leben so drastisch verändert hat bin ich eigentlich immer gut damit gefahren, auf mein Herz zu hören. Nur ein einziges Mal hab ich auf Avni gehört und die Cola Dose geöffnet, die so seltsam aussah. Danach war mein Oberteil ruiniert, Avni hab ich eine Kopfnuss verpasst und meine Haare waren voller Schaum.
Wo waren wir? Achja, auf das Herz hören. Ich habe diese unwahrscheinliche Gabe, manche Dinge vorauszuahnen, indem ich einfach genau zuhöre. Warne ich meine Bekannten, heißt es: „Ach Koop, sieh das nicht so eng!“ und einen Moment später dann „Wie konnte das passieren?“
Wir haben einen Nachbarn im Nebenhaus, Herr Witz. Nein, er heißt nicht wirklich so, aber er ist ein Balkanese und sein Name endet auf “Vic”, doch Frau H. kann das nie aussprechen also nennt sie ihn Herrn Witz. Mit dem ist aber manchmal gar nicht so gut Kirschen essen, mitten in der Nacht fängt er an, alte bosnische Liebeslieder, Sevdalinkas, zu singen. Ich glaube, er hat seine Frau im Krieg verloren, als sie ihren Sohn retten wollte. Jetzt lebt er allein bei uns in der Nachbarschaft und blickt mürrisch drein. Manchmal spricht er mit Herrn B., doch die Melodie der Sevdah Lieder sieht man ihm im Gesicht an. Wenn ein Mensch alles verliert, gewinnt er manchmal doch.
Ich musste darüber nachdenken, als ich wieder im Soul Bistro aushalf. Die Schürze stand mir gut, ich mochte sie. Wenn nur alles so unbeschwert wäre wie ein Siebziger-Jahre-Muster mit Rüschen. Viele der Gäste kannte ich vom Sehen, wenn ich von meinem Balkon aus die Welt beobachtete, sehnte ich mich nach ein paar Leuten wie diesen. „Koop, Tisch Fünf, am Fenster!“ Ich rannte hin und blieb vor ihm stehen. Oha. Mein Blerim Destani Verschnitt. Naja, was heißt meiner. Der eine eben. „Willkommen, was kann ich dir zu Trinken bringen?“ Er sah mich mit seinen dunklen Augen an, irgendwie musste ich an Herr der Ringe denken, an irgendwelche Wesen die solch dunkle Augen hatten. Und so eine tiefe Stimme. „Tee. Schwarzen. Mit Zimt. Und ein Sandwich. Vegetarisch.“ Ich konnte nicht anders als mit einer Roboter-Stimme zu antworten. „Kommt - Sofort - Sir - Peep - Brrr - Peep!“ Wer so eine Bestellung aufgibt, der muss damit rechnen, dass ich so reagiere. Man sieht mir das freche schon an, mit meiner Milchkaffeebraunen Haut, hat R. aus H. damals gesagt. Blerim, ich muss ihn ja so nennen, bis ich seinen Namen herausgefunden habe, muss den Wink wohl verstanden haben. Als ich ihm seine Bestellung bringe, fragt er mich höflich: „Der Gemüsehändler… Ist das Gemüse gut?“ „Klar, das beste Gemüse hier in der Straße. Auf deinem Sandwich ist auch was davon!“ Er sieht das Sandwich geschockt an. „Keine Sorge, die Giftflasche hat der Koch entsorgt. Achja, sag mir, wie du die Gurken findest, sie stammen von meinem Balkon!“ Ich rausche davon und bediene die anderen Tische. Der Verschnitt sieht die ganze Zeit herüber, als plötzlich Avni rüberkommt und mir andere Schuhe bringt. „Kooop, wie konntest du die im Laden vergessen… Du Barfußfetischistin!“ „Woher weißt du eigentlich, was das bedeutet? Los los, danke dir!“ Ich merke, dass was mit dem Verschnitt nicht stimmt. Sage aber erst einmal nichts. Als ich kassieren möchte, hält er mich an der Schürze fest. „Ich steh nicht so auf Männer, die am Rockzipfel hängen!“, sage ich grinsend. „Schade, ich wollte dich um eine Verabredung bitten.“ Mein Kopfschütteln muss er wohl verstanden haben. Trotzdem sehe ich ihn seitdem drei Mal die Woche im Laden.

Ich weiß, an wen er mich erinnerte, als er mich plötzlich am Ärmel zog, doch sicher konnte ich mir nicht sein. Ich halte mich aus so was raus. Er tauchte aber immer auf, wenn der Gemüseladen geschlossen war. Hm. Vielleicht bildete ich mir das auch nur ein. UNO machte wieder krach, es war mal wieder da (das Unbekannte Nachbarschafts Objekt) und ich konnte mich schlecht konzentrieren. Es war ja so. Im Moment steckte ich in einer ziemlichen Identitätskrise, kümmerte mich um einen Urwald auf meinem Balkon und musste auch noch Ilke ertragen, die seit vier Tagen krank ist und mich auserkoren hat um ihre Medikamente zu besorgen. Holy Shit.
Die einzige Apotheke, die nach Ilkes Grippe-Nase tanzt (haha) ist zu Fuß gesehen 20 Minuten weg. Ich kaufe also den ganzen Kram ein, ja, hier die MaxMo Card, nicht AdvoCard, das Geld, *schieb*, und da bin ich mit einer überteuerten Tüte für Ilke. Eigentlich ist sie ja nett. Nur… Seltsam. Und Öko eben, manchmal zu viel, sodass mein Kopf schmerzt. „Gehst du nachts immer allein raus?“
Oh-Oh.
Es gab eine Zeit, in der ich in einer riesigen, erfolgreichen Agentur gearbeitet habe. Ja, ehrlich, ohne Witz. Unendlich viele kreative Köpfe, einige Azubis und Praktikanten… Als wir auf dem Dach standen und die Stadt erblicken konnten, fühlten wir uns wie Könige. Ich habe auch geraucht, nicht viel, einfach so um dabei zu stehen. Morgens war ich die erste, die Sonne ging gerade auf und die Putzfrau kümmerte sich um den Aufenthaltsraum. An dem einen Tag musste ich mal wieder um einen Pitch kämpfen, es sollte ein wunderbarer Kampf werden. Nächtelang habe ich mich darauf vorbereitet - Nächte voller Schmerz, Sehnsucht, Milchkaffee und Musik wie dieser aus dem Radio. Da war eine Wohnung in Köln über einem lustigen Gemüsehändler undenkbar. Ich ohne Businessbluse, Rotwein und Pumps? Keine Chance.
Dachte ich jedenfalls. An dem Tag, an diesem einen Morgen, da kam mir der Gedanke, zu kündigen. Einfach so. Die Wolken sagten mir irgendwas, etwas mit Hoffnung, einem kleinen Koffer und erzählten von meinen verlorenen Träumen. Hast du überhaupt noch Träume? Boah scheiße, wie kitschig ist das denn, verdammt.
In der Mittagspause vor dem Pitch ging ich in eine Lounge und trank einen Mojito. Ja, um 12 Uhr am Vormittag, ich musste verrückt sein, aber mein Magen schmerzte und der Kopf tat endlos weh von all diesen Stimmen die mir sagten: Koop, du musst weg aus dieser Lage, du musst es anders machen.
Am Abend trank ich einen Pfirsichsaft, das war zu Zeiten von Herr Motor (er heißt nicht wirklich so, es war nur sein Spitzname damals), als ich gerade ein gebrochenes Herz hatte und nicht damit umgehen konnte. Ich unterschrieb meine Kündigung auf einem Bierdeckel, den ich mal für irgendeinen Kunden gestaltet hatte. IRGENDEIN Kunde. Ich wusste weder den Namen, noch konnte ich das Gesicht zuordnen. So wollte ich nicht leben, kalt, leer, nicht einmal den Namen des Kunden wissend, der mir mein Essen bezahlt. Sozusagen. Ihr wisst schon, was ich meine.
André, mein damaliger bester Freund und Vorgesetzter verstand die Welt nicht mehr. Einfach so ging ich. Ich kündigte meine Wohnung, stellte mich zum ersten Mal in meinem Leben auf einen Trödelmarkt und verkaufte alles, meine Boss Kostüme, die arme Sandalette Anastasia. Bis ich nur noch einen Koffer und einige Kostbarkeiten in Kartons übrig hatte (und einen Karton mit endlosem Krimskrams. Der ist bis heute nicht ausgepackt worden, aber dazu komme ich jetzt).

Es kam dazu, dass ich ein wenig rumreiste, mich mit meinen Ersparnissen in den Städten umsah, in denen ich aus geschäftlichen Gründen damals keine freie Minute genießen konnte. Unter anderem in Köln. Und dort begegnete ich irgendwie Herrn B., bei dem ich in einer kleinen Straße ein paar Äpfel kaufte. Er hatte nur Plastiktüten, regte sich aber tierisch darüber auf. Er wollte doch unbedingt bedruckte Papiertüten mit einem seiner tollen Sprüche (Das Gemüse ist frei von Die Gedanken sind frei. Ja ich weiß, witzig wie immer. NOT. Aber so ist Herr B. eben. Unbezahlbar!)!
Und irgendwie kam eins zum anderen. Ich bot ihm bedruckte Tüten an, er mir die Wohnung im Haus, am nächsten Tag wachte ich auf einer durchgelegenen Matratze in meinem jetzigen Wohnzimmer auf und hatte gegenüber anscheinend richtig gefeiert. Was? Das weiß ich bis heute nicht…!
Nunja, jedenfalls suchte ich heute, wie man eben so sucht, nach einem alten Gelstift, den ich irgendwo in dem Krimskrams-Karton versteckt hatte. Und entdeckte nicht nur den Stift, sondern Kostbarkeiten! Billigen Schmuck, den ich an meinem ersten Arbeitstag getragen hatte. Ein kleines Notizbuch mit Manga-Smileys, Geschichten aus alten Zeiten und mein absolutes Lieblingsbuch, das total zerfetzt, benutzt und geknickt darin lag. Das alles hatte ich aufgegeben und fand es nun wieder. Und so erinnerte ich mich an den Morgen, an dem ich beschloss, wieder so zu sein. Ob der Herr Professor all das geahnt hat, als er mich ablehnte? Als er mich wüst betitelte, unangemessen behandelte und mir auch noch dieses Schreiben schickte, das mich fassungslos zurückließ? Ich glaube nicht. Er sah etwas, das alle sahen, wenn sie sich meine Unterlagen ansahen. Ändern konnte ich meine Zeugnisse nicht, sollte ich mich schlechter machen als ich bin? Nur um in eine Silikonbackform der Zukunft zu passen? Ich denke nicht. Eigentlich sollte ich schon seit drei Stunden im Bett sein, weil ich morgen mal wieder die Welt retten sollte, aber ich brenne noch. Ich dachte, ich hätte es nach all den Wochen abgelegt, aber ich kann nicht. Mitten in der Nacht wird mir bewusst: Ich habe alles richtig gemacht, nur haben andere das nicht so gesehen. Aber, wie in einem klugen Buch mal stand: Ich bin nicht so, wie die Welt mich gern hätte. Oder so.
Nun sitze ich hier, im Vintage-Bett, mit kleinem Notbuk und großem Herzen und weiß endlich, was ich tun muss. Sollte. Doch wie fange ich an? Wie packe ich es an? Da muss ich noch ein bisschen drüber nachdenken.
Gut Nacht.